Es gibt Orte auf dieser Erde, die brauchen keinen geopolitischen Konflikt, keine Klimakrise und keinen Papst, um Geschichte zu schreiben. Sie haben ihre Stockschützen. Und wenn diese Stockschützen an einem Freitag im September gleich zwei Turniere bestreiten, dann bebt die niederösterreichische Provinz so heftig, dass die Landesregierung in einem außerordentlichen Sondergipfel über die Sperrung der Landstraße B1 beraten müsste. Tut sie natürlich nicht. Aber sie könnte.
Man stelle sich das Ausmaß vor: Ein Quartett, bestehend aus lauter Männern, deren Vornamen klingen wie die Hauptfiguren eines Heimatfilms mit bescheidenem Budget, gewinnt in Weinburg. Klingt unspektakulär, ist es auch. Aber die Art, wie es gewonnen wurde, verdient eine eigene staatsphilosophische Abhandlung. Zwei Spiele, heißt es, konnten erst in der letzten Kehre zugunsten der Wanger gedreht werden. Die letzte Kehre! Das ist im Stocksport exakt der Moment, in dem ein ganzes Dorf kollektiv den Atem anhält, die Bierkrüge auf dem Tisch verharren und die Schwiegermutter zum ersten Mal an diesem Abend verstummt. Das ist Wimbledon mit Holz, Wimbledon ohne Netz und Wimbledon ohne die Gnade der englischen Königin.
Dass das Endergebnis deutlicher aussieht, als der Bewerb tatsächlich verlief, ist eine Information, die in jedem Gerichtssaal als Indiz für Schönfärberei gewertet würde. In Niederösterreich hingegen gilt das als Heldentat. Man lässt sich die Dramatik nicht nehmen. Man gießt sie in eine Meldung, verzichtet auf jedes Detail und hofft inständig, dass die Leserschaft beim Satz "zwei Spiele erst in der letzten Kehre" vor Ergriffenheit ihr Handy weglegt und spontan beschließt, auch Mitglied im örtlichen Eisstockverein zu werden.
Und dann, als wäre das nicht schon olympiareif, kommt die zweite Meldung des Abends. Platz vier in Marbach. Punktgleich mit Rang zwei und drei. Nur knapp am Podest vorbei. Wer bei dieser Sportart überhaupt von einem Podest spricht, hat sich offenbar noch nie gefragt, ob ein Siegerehrungs-Stockerl auf einer Wiese neben dem Feuerwehrhaus architektonisch überhaupt tragfähig wäre. Aber egal. Die Wanger waren so kurz dran, dass die Lokalpresse offenbar zwei Absätze opfern musste, um dieses Beinahe-Versagen in eine Siegernarrativ zu verpacken. Punktgleich mit Rang zwei, versteht ihr. Das ist wie ein Bundespräsident, der mit drei Gegenkandidaten die gleiche Anzahl an Fehlern macht, und das im Nachhinein als moralischen Sieg verkauft.
Was bleibt, ist die große Frage, die sich durch jede Generation von Stocksportlern zieht wie ein Riss durchs Eis. Was tun mit so viel Ruhm? Wohin mit dem Triumph? In Weinburg hat man offenbar beschlossen, dass die Leistung der Herren Niedl, Hager, Füsselberger und Solböck eine derartige Wucht entfaltet, dass man sie am besten dadurch würdigt, indem man siebenundvierzig Hashtags drumherum bastelt und sie dann als unsichtbares Denkmal in die digitale Cloud stellt. Hashtags wie #Eisstockschießen, #StocksportlerWang, #WangerEisstockschützen und, besonders poetisch, #Eisschützen. Siebenundvierzig Wege, einen Sommerabend zu beschreiben, an dem vier Männer einen Stock über Eis schoben.
Irgendwann, in ferner Zukunft, werden Historiker auf diese Zeit zurückblicken und sich fragen, was das Imperium zusammenhielt, als die Welt aus den Fugen geriet. Vielleicht war es weder die Kirche noch die Kammern, vielleicht war es ein Eisstockverein irgendwo im Mostviertel, der in einem Sommerabend-Bericht über die letzte Kehre entschied, dass die Welt doch noch in Ordnung ist. Punktgleich mit Rang zwei. Mit Minimalabstand. Aber immerhin dabei.