Man stelle sich vor: Da kommt eine Frau mit Stimmbändern aus Wien, na ja, aus der armenischen Diaspora mit Halt in Wien, und im Handumdrehen ist das halbe Weinviertel in Feierlaune. Asmik Grigorian, Sopranistin von internationalem Kaliber, betritt den Wolkenturm, und schon klingt es durch die Hügel, als hätte Niederösterreich endlich seine Bestätigung gefunden. Italienische Leichtigkeit trifft auf Strauss’sche Schwere, das Tonkünstler-Orchester spielt, und Chefdirigent Fabien Gabel dirigiert, als wäre er schon ewig hier beheimatet und nicht erst seit Kurzem auf einem Stuhl, der ohnehin allen gehört, die sich draufsetzen dürfen.
Das eigentlich Bemerkenswerte an diesem Abend ist freilich nicht die Musik. Es ist die Fähigkeit der niederösterreichischen Kulturverwaltung, aus jeder gelungenen Aufführung eine Art regionales Bekenntnisritual zu machen. Der Wolkenturm, diese geniale Mischung aus Open-Air-Bühne und akustischem Wagnis, wird ja ohnehin behandelt wie das heimliche achte Weltwunder, und wenn dann jemand mit echter internationaler Klasse auftritt, ist die Begeisterung so greifbar wie der Nebel, der im Herbst von der Donau kriecht. Man klatscht nicht nur für die Musik, man applaudiert sich selbst dafür, dass man sie eingeladen hat.
Grigorian selbst lieferte zwei Auftritte ab, die man getrost als Hohepunkt des Abends bezeichnen darf, was in der niederösterreichischen Presselandschaft sofort zu Sätzen führt wie: Sehen Sie, so etwas gibt es nur bei uns. Dabei gibt es so etwas in Mailand, in Salzburg und, wenn man Glück hat, sogar in Berlin. Aber nein, hier ist es halt etwas Besonderes, weil hier ist es halt überhaupt. Das Publikum dankt es mit Standing Ovations, die so lang sind, dass die Orchestermitglieder zwischenzeitlich ihre Noten sortieren und überlegen, ob sie noch eine Zugabe spielen sollen oder lieber doch in den Feierabend gehen.
Was bei dieser Art von Konzertabenden gerne übersehen wird: Das eigentliche Kunststück besteht darin, dass das Tonkünstler-Orchester trotz Sommerhitze, open-air-Akustik und der ständigen Gefahr, dass ein vorbeifahrender Traktor auf der Bundesstraße den Schlussakkord übertönt, tatsächlich zusammenhängende Sätze zustande bringt. Fabien Gabel hat dabei die undankbare Aufgabe, gleichzeitig die Wiener Klassik, die italienische Oper und die Strauss'sche Spätromantik unter einen Hut zu bringen, was ungefähr so ist, als würde man versuchen, Schnitzel, Pizza und Sachertorte auf einem Teller zu servieren und allen Ernstes behaupten, das sei ein Menü.
Am Ende bleibt die Erkenntnis: Niederösterreich hat einen wunderbaren Wolkenturm, ein tüchtiges Orchester und ab und zu eine Sopranistin, die so gut ist, dass sie den Namen des Landes für ein Wochenende über die Grenzen trägt. Was bleibt, ist das befriedigende Gefühl, dass wenigstens die Kultur funktioniert, während anderswo gerade die Parkplatzordnung diskutiert wird. Und falls jemand fragt, was das Konzert gekostet hat: Es war sicherlich jeden Cent wert, und falls doch nicht, war es wenigstens schön laut.