Es war ein Montagabend wie aus dem Lehrbuch der modernen Zivilisation, und prompt funktionierte nichts mehr. Millionen Menschen saßen vor ihren Bildschirmen, starrten auf die altbekannte Fehlermeldung und taten das, was der digitale Homo sapiens in solchen Momenten seit Jahrzehnten zuverlässig tut: sie aktualisierten die Seite. Immer wieder. Mit der Inbrunst eines Gebets, das an einen amerikanischen Server gerichtet ist, der irgendwo in der Prärie steht und sich einen feuchten Kehricht darum schert, ob in Wien gerade jemand eine Rechnung verschicken will.
Die Lage war, wie es in solchen Momenten immer heißt, ernst. Nicht ernst wie ein Erdbeben oder ein echtes Problem, sondern ernst wie ein Zahnarztbesuch für die Wirtschaft. Chefinnen gerieten in Schweiß, weil ihre Assistentinnen plötzlich nachdenklich am Fenster standen. Sekretärinnen entdeckten, dass es im Büro tatsächlich noch andere Geräte gibt, etwa die alte Kaffeemaschine, die seit Monaten defekt ist, und die Heizung, die sowieso niemand bedienen kann. Für einen kostbaren Augenblick roch das Büro wieder nach Papier, nach Akten und nach der feinen Melancholie analogen Arbeitens, die man sonst nur aus Heimatfilmen kennt.
Microsoft, dieser überdimensionierte Wolkenkratzer der digitalen Fürsorge, erklärte, wie es große Konzerne in Krisensituationen tun, dass man sich kümmere. Man arbeite mit Hochdruck daran, die Systeme wieder zum Laufen zu bringen, hieß es, und es klang, als würde ein Zahnarzt versichern, dass er gleich kommt, während der Patient seit zwei Stunden im Wartezimmer sitzt und ein Heft über Gartenarbeit aus dem Jahr 2014 durchblättert. Es wurde gefühlt, analysiert, kommuniziert und vermutlich auch ein PowerPoint erstellt, auf dem irgendwo das Wort „Resilienz" vorkam, weil das in Konzernsprache so viel heißt wie: Wir haben gerade keine Ahnung, aber wir tun so, als hätten wir einen Plan.
Irgendwann, nach einer Zeitspanne, die sich anfühlte wie die Warteschleife einer Behörde an einem Freitagnachmittag, liefen die Systeme wieder an. Schrittweise, wie es hieß, was vermuten lässt, dass es irgendwo in der Konzernzentrale einen Schalter gibt, der mit „weltweite E-Mails" beschriftet ist und den ein Mitarbeiter namens Kevin mit beiden Händen gleichzeitig umlegen musste. Millionen Nutzer durften wieder einloggen, und die Welt kehrte zurück zu ihrem Normalzustand, also zu dem Zustand, in dem ungefragt Newsletter von Onlineshops eintrudeln, die man nie besucht hat, und in dem irgendein Kollege freitags um sechzehn Uhr siebenundzwanzig noch „kurz etwas klären" möchte.
Die eigentliche Pointe dieses Abends liegt freilich nicht in der Störung selbst, sondern in der kollektiven Erkenntnis, die danach einsetzt. Wir, die aufgeklärte Spezies des einundzwanzigsten Jahrhunderts, haben zwischen Frühstück und Schlafengehen einmal kurz erlebt, wie sich das Mittelalter anfühlt, nur ohne die schöne Beleuchtung durch Kerzen. Wir haben gelernt, dass die moderne Arbeitswelt ein hauchdünnes Gebilde ist, gehalten zusammen von Servern, Passwörtern und der unerschütterlichen Hoffnung, dass irgendwer in Redmond gerade wach ist und sein Smartphone nicht auf lautlos gestellt hat.
Am Ende bleibt die beruhigende Gewissheit, dass es morgen weitergeht. Outlook wird wieder Mails empfangen, die niemand bestellt hat, und Menschen werden wieder seufzen, wenn Outlook abstürzt, als hätte das Universum persönlich sie verraten. Hauptsache, der Kalender funktioniert, der nächste Termin steht, und die Welt dreht sich weiter, weil ein Konzern in Übersee beschlossen hat, einen Knopf zu drücken. Mehr verlangt die digitale Zivilisation ja nicht. Eine funktionierende Cloud, ein bisschen Licht von oben, und die Illusion von Kontrolle. Wer braucht da noch Schlaf, frische Luft oder ein Gespräch mit dem Menschen gegenüber? Es gibt ja Outlook.