Man muss sich das einmal vorstellen: Bei strahlendem Sonnenschein, der in dieser Region so häufig vorkommt wie ein pünktlicher Postbote, setzten sich elf Mitglieder des Pensionistenverbands Sankt Florian am Inn auf ihre Räder und radelten Richtung Mühlheim. Elf. Eine Zahl, die in manchen Landgemeinden bereits die halbe Belegschaft des örtlichen Wirtshauses ausmacht. Der Pensionistenverband, das ist jene Organisation, die das Kunststück vollbringt, gleichzeitig als Sportverein, Frühstücksrunde und Seniorenresidenz mit Außenkontakt zu fungieren.
Start war Sankt Florian am Inn, das Ziel Mühlheim, die Strecke rund 30 km auf dem Innradweg. Auf dem Innradweg, wohlgemerkt, jenem asphaltierten Band des Fortschritts, das im Sommerhalbjahr vermutlich mehr Rentner transportiert als die Westbahnstrecke in einer Woche. Wer hier unterwegs ist, weiß: Die wahre Herausforderung sind nicht die Steigungen, sondern die E-Bikes der Jungen, die einem mit 40 km/h entgegenknallen, als wäre man selbst ein stehender Baum mit Helm.
Die Ankunft gestaltete sich dann standesgemäß. Man wurde empfangen, ja wirklich empfangen, als handle es sich um eine Delegation aus dem Außenministerium. Vom Veranstalter, versteht sich. Einem Veranstalter, der vermutlich denselben Verein trägt, den man gerade verlassen hatte, nur mit umgekehrter Windrichtung. Danach folgte das, was jeder österreichische Ausflug unabdingbar macht, unabhängig davon, ob man vorher gegen Gletscher gekämpft hat: das Mittagessen. Die Rückfahrt wurde noch durch einen Halt beim Turmcafé in Obernberg veredelt, was die biologische Notwendigkeit erklärt, dass man Kaffee und Kuchen braucht, bevor man sich erneut in die pedalgesteuerte Schwerarbeit stürzt.
Was hier wie ein schlichter Vereinsausflug klingt, ist in Wahrheit der Auftakt einer schleichenden Revolution. Elf Räder, elf Helme, elf Plastikflaschen mit Kräutertee. Das ist keine Radsternfahrt, das ist eine sternförmige Eroberung des Innviertels. Man stelle sich vor, der Verband schickt jede Woche eine neue Gruppe los, dann hat der Bezirk bis Jahresende eine flächendeckende Pensionisteninfrastruktur, gegen die jeder Straßendienst kapitulieren muss. Die Radwege wären nicht mehr asphaltiert, sondern mit Kniebandagen gepflastert.
Natürlich darf man die Heldentaten nicht unterschätzen. 30 km sind 30 km, und wer nach dem sechsten Lebensjahrzehnt noch freiwillig in die Pedale tritt, hat entweder einen schlechten Orthopäden oder einen sehr guten Grund, dem Schwiegertöchter-Wohnzimmer zu entkommen. Die wahre Leistung dieser Ausfahrt liegt ohnehin nicht in der sportlichen, sondern in der diplomatischen Kategorie. Elf Menschen, elf Meinungen über die Mittagspause, und trotzdem kam es zu keiner Spaltung des Verbandes. Wenn die Vereinten Nationen ähnlich effizient arbeiten würden, hätte man in Genf längst den Kaffee ausgeschenkt.
Die männlichen Mitglieder, so heißt es inoffiziell, hätten am liebsten die Heimreise direkt vom Turmcafé aus angetreten. Die weiblichen Mitglieder, auch das hört man aus zuverlässiger Quelle, bestanden darauf, dass die Rückfahrt wenigstens so symbolisch über die Ziellinie geführt wird wie ein neugeborenes Erbstück durch die Tür. Am Ende einigte man sich auf einen Kompromiss österreichischer Güte: Man radelte gemeinsam zurück, lobte einander kollektiv und plante beim ersten Tortenstück die nächste Ausfahrt.
Dass solche Sternfahrten ausgerechnet im Innviertel stattfinden, ist kein Zufall. Die Gegend ist flach genug, um auch ohne E-Bike zu bestehen, und die Cafés sind in Reichweite wie die Wirtshäuser in einem Kaffeehausviertel. Wer hier radelt, radelt nie wirklich gegen den Wind, sondern immer gegen die Verlockung, einfach stehen zu bleiben. Elf Menschen haben diese Verlockung überwunden, den Tag gemeistert und die lokale Tortenstatistik vermutlich nachhaltig beeinflusst. Man darf gespannt sein, welche Sternfahrt als nächstes auf dem Programm steht. Gerüchten zufolge wird bereits über eine Sternfahrt nach Braunau nachgedacht, wobei man sich dort aus Sicherheitsgründen auf Hin- und Rückweg einigen möchte.