In Wiener Großkanzleien geht derzeit eine besondere Art von Schauer um. Nicht der vom Ventilator im dritten Stock, sondern jener, den Digitalchefs verspüren, wenn sie das Wort exponentiell benutzen und dabei hoffen, dass niemand nachfragt, was das eigentlich heißt. Eine Technologie reift also in atemberaubendem Tempo, die Zahl der Berufseinsteiger sinkt, und gleichzeitig gilt die Regel, dass alles ein Managementthema ist, sobald man selbst keine Lust mehr hat, sich damit zu beschäftigen. Die Maschine kann inzwischen ganze Aktenschränke durchwühlen, nur das Liefern der Geburtstagskuchen an die Lieblings-Sekretärin hat ihr noch niemand beigebracht.
Manche Beobachter der Szene, die aussehen wie klassische Mittagspausen-Zuhörer, sehen in dieser Entwicklung den Beginn einer neuen Ära. Endlich, so heißt es, werde der Anwalt nicht mehr ersetzt, sondern nur besser. Eine wunderbare Nachricht für alle, die sich bisher vor allem dadurch hervorgetan haben, dass sie Aktenausdrucke mit Kommentaren versehen und diese in andere Aktenausdrucke einheften. Die KI, so die durchsichtige Hoffnung, übernimmt die lästige Schwerkraftsarbeit, und der Mensch darf sich endlich auf das konzentrieren, was er am besten kann: das strategische Warten auf ein Update.
Die großen Rechts-KI-Anbieter werden mittlerweile mit zweistelligen Milliardenbeträgen bewertet, was in etwa der Summe entspricht, die in Wiener Kanzleien jährlich für interne Newsletter ausgegeben wird, in denen steht, dass man bald auf einen internen Newsletter verzichten werde. Überhaupt ist das Sparen ein seltsames Hobby geworden. Es gehe, so heißt es, gar nicht so sehr darum, Geld zu sparen, sondern die Abläufe so umzugestalten, dass sie eines Tages vielleicht einmal Geld sparen könnten. Eine Philosophie, die auch bei der Sanierung von Wiener Schwimmbädern große Tradition hat.
Die Ausbildung der Junganwälte wird in diesen Tagen als besonders wichtig beschrieben, weil sie die digitale Kompetenz mitbringen sollen, die ihre Chefs erst noch erlernen. Das Ergebnis der Maschine müsse hinterfragt werden, sagen die Verantwortlichen, und zwar von jemandem, der genug Erfahrung hat, um zu wissen, welche Frage er stellen muss. Erfahrung, die man früher schlicht dadurch erwarb, dass man drei Jahre lang Akten kopierte und zwischendurch die Grünlilie im Konferenzraum goss. Wer jetzt aus Angst vor dem Bot weniger Leute einstelle, so die eindringliche Warnung, den werde es bitter treffen, denn irgendjemand muss am Ende das Passwort für das neue System zurücksetzen, wenn die Kanzlei-Chefin zum dritten Mal das Kennwort vergessen hat.
Es entstehen neue Rollen, heißt es, und das habe auch Auswirkungen auf den Jobmarkt. Nur welche Rollen das genau sind, das darf jeder sich selbst zusammenreimen. Klar ist nur, dass der Anwalt der Zukunft Technologieverständnis und Datenkompetenz mitbringen wird, um sich schneller einen Überblick über Fälle zu verschaffen. Übersetzt bedeutet das, er wird künftig nicht mehr drei Stunden lang Akten wälzen, sondern drei Stunden lang nachschauen, ob die KI richtig gerechnet hat. Eine deutliche Verbesserung, die vor allem die Kaffeemaschine freuen dürfte, die dann endlich mehr Pausen bekommt, weil ihr Bediener nicht mehr zwischen Aktenschrank und Drucker hin und her eilt, sondern ruhig vor dem Bildschirm sitzt und die Exponentiallinie bestaunt.