Man stelle sich das ehrlich vor: Ein Bildungsminister steht vor der Aufgabe, einer Generation, die Chatbots schon vor dem Frühstück konsultiert, das Lügen beizubringen. Oder wenigstens das Nicht-Lügen. Oder wenigstens das richtige Lügen, mit Quellenangabe und Fußnote. Christoph Wiederkehr hat das erkannt und zieht die folgerichtige Konsequenz: Er gründet einen Beirat. Selbstverständlich einen, der nichts verbietet, nichts anordnet und vor allem nichts verändert, was gerade nicht zur Wahl steht.
Dass die Mehrheit der Jugendlichen KI nutzt, um sich das Denken zu ersparen, ist eine Nachricht, die in etwa so überraschend kommt wie die Erkenntnis, dass Wasser nass ist. Die spannendere Frage wäre, was die restlichen, hartnäckig analog Schreibenden eigentlich tun. Briefe? Liebesgedichte mit der Hand? Einen Tagebucheintrag mit Tinte, während das Thermometer im Klassenzimmer den Aggregatzustand des Lehrkörpers anzeigt?
Die neue KI-Strategie, das klingt zunächst einmal nach etwas, das man auf einer Konferenz in Salzburg zwischen Kaffee und Kuchen beschließt und dann in einen Aktenschrank legt, bis die nächste Konferenz stattfindet. Fest geplant ist die Veröffentlichung für den sechsten November, also noch vor dem ersten Schnee und rechtzeitig vor der ersten Schularbeit, bei der sich alle Beteiligten fragen, wer da eigentlich geschrieben hat. Danach soll laufend adaptiert werden, was in der Verwaltungssprache so viel heißt wie: Man ist jederzeit bereit, auf jeden Zug aufzuspringen, sobald er an der eigenen Tür vorbeifährt.
Besonders rührend ist der Hinweis, dass KI der psychischen Gesundheit schaden könne. Als wäre das ein neues Risiko und nicht ein altbekanntes Phänomen, das bislang unter dem Namen „Lehrerin fraget dreimal nach den Hausaufgaben“ firmierte. Nun kommt die Maschine hinzu, die einem freundlich sagt, man sei etwas Besonderes, während sie einem gleichzeitig die Arbeit abnimmt. Eine Doppelbelastung, die früher nur die Großmutter leistete.
Wiederkehr möchte den Schulen mehr Freiheiten bei der Benotung geben, also jenen Institutionen, die seit Jahrzehnten beweisen, dass sie mit der kleinsten noch so winzigen Freiheit sofort ein neues Rundschreiben produzieren. Hausaufgaben seien weniger wichtig geworden, sagt der Minister, und gemeinsames Argumentieren sei jetzt zentral. Das klingt vernünftig, solange man nicht daran denkt, dass die diskutierfreudigsten Schüler meistens jene sind, die ohnehin alles wissen, während die anderen stumm auf den Bildschirm starren und hoffen, dass die KI noch eine Antwort nachschiebt.
Ein Höhepunkt der Strategie ist das Fach Digitale Grundbildung, in dem Schülerinnen und Schüler über KI aufgeklärt werden sollen. Das ist ungefähr so, als würde man Nichtschwimmern in der Badewanne das Segeln beibringen. Immerhin gibt es flächendeckende Fortbildungen, die breit angenommen werden. Breiter als die Schüler, die freiwillig eine Schularbeit nachschreiben, kann das kaum sein.
Am Ende bleibt das Bild eines Ministers, der mit einem Beirat, einer Strategie und einer Verordnung versucht, das aufzufangen, was die Wirklichkeit längst in einem Gruppenchat entschieden hat. Die Maschine schreibt mit, die Schüler antworten, die Lehrer ahnen es, und die Verordnung kommt im November. Und wenn alles gut geht, wird sie im Dezember nachgeschärft, im Jänner ergänzt, im Februar adaptiert und im März für den Druck freigegeben. Bis dahin hat die KI wahrscheinlich schon eine bessere Strategie geschrieben.