In Wien wurde eine Behörde ausgezeichnet, die sich gegen Cybergewalt an Frauen einsetzt. Das klingt erst mal nach einer richtig guten Sache, weshalb man es in eine Meldung verpackt hat, die so trocken ist wie die Luft im Amtsgang. Verliehen wurde der Preis in Berlin, weil Österreichische Auszeichnungen offenbar nicht genug Glanz auf eine Wiener Errungenschaft werfen. Es handelt sich, und das darf man sich auf der Zunge zergehen lassen, um einen Preis im Bereich eGovernment, also um die Kunst, Verwaltung so hinzubiegen, dass sie nicht ganz so wehtut wie früher.
Die prämierte Einrichtung verbindet Beratung, Opferschutz und technische Hilfe. Das ist in etwa so, als würde man beim Zahnarzt gleichzeitig den Steuerberater und einen Elektriker ans Bett setzen. Klingt effizient, riecht aber nach dem klassischen Wiener Reflex, bei jedem Problem eine eigene Magistratsabteilung zu gründen. Hier arbeiten MA 57, Urban Innovation Vienna, die Magistratsdirektion, Wien-CERT, der Frauennotruf und die Frauenhäuser zusammen. Das sind so viele Akteure, dass der Antragsteller für die Hilfe vermutlich erst einen Architekten braucht, der das Organigramm in eine lesbare Form bringt.
Besonders rührend ist die Begründung der Jury. Nachhaltiger Wandel durch Staatsmodernisierung und Verwaltungstransformation. Wandel, der entsteht, wenn eine Stadtverwaltung es schafft, in einer einzigen Datenbank gleichzeitig das Leid einer Frau und die Urlaubsanträge der Sachbearbeiter zu verwalten. Man stelle sich vor, welche Synergien noch schlummern. Bald gibt es den One-Stop-Shop für alles: Liebeskummer, Parkpickerl, Häuslbauerprobleme und die Frage, ob der Nachbar den Briefkasten mit Absicht schief montiert hat. Alles unter einem Dach, alles in einer App, alles mit derselben Warteschleifenmusik.
Die zuständige Frauenstadträtin spricht von einer Anerkennung für alle, die täglich arbeiten. Täglich arbeiten ist in Wien ohnehin ein dehnbarer Begriff, aber hier darf man es wörtlich nehmen. Man darf es sogar stolz nehmen, immerhin hat es für die erste Stufe auf dem Siegertreppchen gereicht. Die Digitalisierungsstadträtin ergänzt, dass der Wiener Weg die Digitalisierung konsequent in den Dienst der Menschen stellt. Konsequent ist das richtige Wort. Wer in Wien einmal versucht hat, eine Meldezetteländerung online durchzuführen, weiß, wie konsequent man hier an der Bürokratie festhält, selbst wenn der Bildschirm schon längst in Rauch aufgegangen ist.
Am Ende steht Wien also da mit einer Trophäe aus Berlin, weil eine Beratungsstelle weniger Anlaufstellen als ein üblicher Wiener Behördsdschungel benötigt. Das ist, als würde man den Bewohner einer finsteren Mietskaserne dafür auszeichnen, dass er abends die Tür absperrt. Andererseits, in einer Stadt, in der Verwaltung seit jeher als Kunstform gepflegt wird, ist das vermutlich tatsächlich die höchste Stufe der Vollendung. Man darf gespannt sein, wann der nächste Preis folgt. Womöglich eine internationale Auszeichnung für die mutigste Behördenfaxseite, die sich traut, im Jahr 2026 überhaupt noch zu funktionieren. Solange die Laudatio wieder aus Berlin kommt, ist Wien zufrieden. Schließlich war man schon immer gern Gast im Ausland, wenn es um die eigene Anerkennung geht.