Zehn Millionen Euro für jemand, der zugibt, dass er die Landschaft erst versteht, wenn er im Erdloch steht. Man darf das als ehrlich bezeichnen. Man darf es aber auch als die offizielle Anerkennung dessen lesen, was der durchschnittliche Spaziergänger zwischen Liesing und Klosterneuburg seit jeher instinktiv betreibt, nur eben ohne Hubschrauber und ohne Insektenstiche.
Dass ausgerechnet die Mikrobiologie des Erdreichs den großen Geldtopf aufreißt, passt perfekt in eine Zeit, in der jeder schon weiß, dass der Boden politisch ist. Wird er umgegraben, gilt er als verdächtig. Bleibt er liegen, gilt er als Verdienst. Dazwischen liegen Milliarden Fördertöpfe, und die Republik hat offenbar beschlossen, dass Wien künftig die heimliche Hauptstadt der internationalen Schmutz-Wissenschaft wird.
Man stelle sich die Szene vor. Ein Mann, der sein Leben zwischen Arktis und Tropen verbringt, weil ihm sonst die Perspektive fehlt. Er zeltet, er wird gestochen, er fliegt in Hubschraubern, die statistisch gesehen gelegentlich den Bodenkontakt üben. All das, damit er anschließend in ein Erdloch steigt und dort Bakterien zählt, die niemand sehen kann, die aber offensichtlich irgendjemand sehen will. Und zwar teuer.
Dass er einer der meistzitierten Wissenschafter des Landes ist, versteht sich von selbst. Zitiert wird im Wissenschaftsbetrieb alles, was lang genug ist, um in einer Fußzeile zu landen. Wer ein paar Jahrzehnte konsequent über das Erdinnere schreibt, wird irgendwann von den eigenen Fußnoten gestützt und kommt so ganz automatisch auf Listen, die niemand liest, aber alle unterschreiben.
Zehn Millionen Euro. Dafür bekommt man in Wien üblicherweise dreißig besonders mittlere Eigentien, eine sanierte Gründerzeitfassade oder ein Klavierkonzert mit Gänsehaut-Garantie. Hier bekommt man einen Professor, der sich weigert, Böden am Computer zu verstehen, weil er dafür erst nach Grönland fliegen muss. Man darf das romantisch nennen. Die Buchhaltung nennt es Forschungsförderung. Die beiden Begriffe sind in Österreich traditionell eng verwandt.
Die Pointe liegt ohnehin nicht in der Forschung. Die Pointe liegt in der Begründung. Wer von sich sagt, er müsse die Landschaft mit eigenen Augen gesehen haben, um sie zu begreifen, hat im Grunde die gesamte Wissenschaftsverwaltung beschrieben. Auch Ministerien begreifen Landschaften erst, wenn sie ein Förderansuchen darauf gebaut haben. Beamte begreifen Fördertöpfe erst, wenn sie barfuß darin gestanden sind. Der Unterschied ist nur, dass der Professor dafür Publikationen vorlegt und die Beamten Sitzungsprotokolle.
Was die Insektenstiche betrifft, so darf man annehmen, dass diese im Antrag unter „Diversität der Freilanderfahrung“ verbucht wurden. Unterpunkt „körperliche Authentizität“, genehmigt vom zuständigen Referat. Wer beißt, zählt. Wer gestochen wird, hat teilgenommen. Wer hingegen bloß am Schreibtisch sitzt und Daten interpretiert, hat strenggenommen keine Felddaten, sondern nur eine Meinung. Das weiß man spätestens seit der Erfindung der Forschungsethik.
Und überhaupt: Mikroorganismen sind das Letzte, was Österreich noch heimlich besitzt. Nach Gletschern, Almhütten und der Fähigkeit, jedes Problem in eine Förderung umzuwandeln, sind die Bodenbakterien die letzten echten Schätze. Dass man dafür jetzt europaweit Aufmerksamkeit bekommt, ist nur logisch. Sogar die Schweiz, die traditionell für ihre Berge bekannt ist, wird sich künftig anstrengen müssen, um in der internationalen Schmutz-Hitparade mitzuhalten.
Zehn Millionen also für einen Mann, der die Welt bereist, um im Schlamm zu stehen, und der anschließend behauptet, er habe sie verstanden. Die Republik nickt. Die Republik nickt immer, wenn jemand das Wort „Boden“ ernst meint und gleichzeitig einen Hubschrauber betritt. Das ist schließlich die einzige Form von Bodenhaftung, die in einem Wissenschaftsbetrieb noch als anständig gilt.