Man stelle sich vor: Wien, eine Stadt, die an Selbstverwaltungsoverkill kaum zu überbieten ist, schickt einen Bus durch die Bezirke, und zwar nicht, weil die Wiener plötzlich eine neue Buslinie verdient hätten, sondern weil es um den heiligen Akt der Hundeanmeldung geht. Gratis, wohlgemerkt, also noch schöner. Gratis ist in Wien ein Wort, das Beamte so aussprechen, als würden sie einem gleichzeitig die Hand auf die Schulter legen und in die Augen blicken, immer mit dem unausgesprochenen Zusatz: Wir hätten es auch teurer machen können, aber wir sind die Guten.
Die Idee ist im Grunde die, dass ein Hund, der bisher einfach so durch die Gegend läuft, jetzt endlich ordentlich aktenkundig wird. Der Chip alleine, so erfährt der aufmerksame Bürger, sei gar nichts wert, ein bisschen wie ein Mensch, der eine Wohnung hat, aber nicht im Melderegister steht. Man habe zwar eine Adresse, aber bitte ohne Türschild, ohne Klingelschild und ohne amtliche Bestätigung, dass man überhaupt existiert. Genauso ergeht es offenbar zahlreichen Wiener Hunden, die seit Jahren einchippt durch die Gegend tollen, aber bei der Stadt einfach nicht als Bewohner gelten.
Der Clou der Aktion, und hier verdichtet sich das ganze österreichische Behördenpathos auf das Äusserste: Man muss den Hund gar nicht mitbringen. Lichtbildausweis reicht, Chipnummer reicht, fertig ist der Lack. Vierbeiner darf zu Hause bleiben, weil Wien offenbar gelernt hat, dass Hunde keine Lust haben, in einer Schlange vor einem Bus zu stehen, während ihr Halter einen Sachkundenachweis vorlegt, der beweist, dass er in der Lage ist, einen Hund zu führen. Eine mitgebrachte Kopie beschleunigt die Abwicklung, alternativ kopiert das Stadtservice vor Ort, weil sich ja jeder Wiener ohnehin fragt, ob das Servicepersonal in dieser Stadt auch etwas anderes kann als scannen, stempeln und freundlich lächeln.
Nun könnte man fragen, warum man für die Anmeldung eines Tieres überhaupt Sachkunde nachweisen muss, während die Haltung eines Pkw, eines Kindes oder eines Mietvertrags offenbar jeder x-beliebige Mensch ohne Amtsprüfung bewältigen darf. Aber das wäre eine Frage, die in Wien ungefähr so beliebt ist wie ein Hund, der im Kaffeehaus auf den Sessel springt. Man schweigt höflich, klopft dem Tier beruhigend auf den Kopf und bestellt noch einen kleinen Braunen.
Im Hintergrund dieser Amtsposse steht das TierQuarTier Wien, das klingt, als wäre es gleichzeitig Tierheim, Verwaltungsbehörde und Tierpsychotherapiepraxis, und wahrscheinlich ist es das auch. Gemeinsam mit dem Stadtservice geht das Angebot in die nächste Runde, weil es 2023 immerhin mehr als dreihundert Halter genutzt haben. Dreihundert. In einer Stadt mit über zwei Millionen Einwohnern. Man darf sich also vorstellen, wie viele Hunde in Wien noch immer unregistriert durch die Nacht streunen, von keiner Behörde erfasst, vom Schicksal getrieben, ein echter Wiener Underdog, nur eben auf vier Pfoten.
Die nächste Eskalationsstufe ist absehbar. Wenn Hunde jetzt schon per Bus erfasst werden, ohne physisch anwesend zu sein, dann ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Stadt auch Katzen registriert, dann Meerschweinchen, dann Wellensittiche, dann Topfpflanzen. Irgendwann wird Wien in einem feierlichen Akt auch die letzte Wiener Kurdin im Melderegister begrüssen, die sich bislang erfolgreich vor der Stadt versteckt hat. Und am Ende fragt der Wiener Amtstrottel im Bus verwundert, warum die meisten Wiener den Bus trotzdem nicht nutzen werden, obwohl er gratis ist und obwohl er das Leben so viel schöner machen könnte. Aber das ist Wien, da braucht es keinen Chip, da reicht schon der Blick aufs Amt, und das Tier bleibt zu Hause.