Man muss es sich einmal vorstellen, mitten im Hochsommer, wo anderswo die Jugend Zombie-Filme schaut, fährt eine Kinderschar aus Wippenham los, um zu lernen, was ein Rechtsstaat eigentlich ist. Natürlich zuerst einmal über den Kopf. Also über den Helm. Und über die kugelsichere Weste, die einen Achtjährigen ungefähr so verformt wie eine Skulptur, die von ihrem Sockel fällt. Schon der erste Schritt vom Bus zur Eingangstür wird zur kleinen Mutprobe, und wer die Weste wieder herunterbringt, hat vermutlich mehr geleistet als mancher Strafzettel-Aussteller im ganzen Quartal.
Bei der Polizei weiß man halt, wie man Kinder beeindruckt. Man zeigt ihnen eine Zelle. Man zeigt ihnen Handschellen in greifbarer Nähe. Man lässt sie in einen Polizeibus klettern, der so etwas wie das Wohnzimmer der öffentlichen Ordnung ist, nur ohne Plüsch. Spurensicherung inklusive, versteht sich. Fingerabdrücke, die man mit eigenhändig pudrigen Fingern auf eine Glasplatte zaubert, damit das Kind am Abend stolz erzählen kann: Ich war ein Tatort. Genauer gesagt, ich war der Tatort. Und die Polizei war das Fernseh-Team.
Dass die Begeisterung bei den Kleinen kein Zufall ist, sondern das Ergebnis sorgfältiger Inszenierung, versteht sich von einem. Schutzausrüstung ist das neue Karussell. Man darf anfassen, anprobieren, staunen. Wer zu Hause nur Lego hat, bekommt hier plötzlich eine kugelsichere Weste und einen Schild in die Hand gedrückt, der schwerer ist als die gesamte Schulmappe im Jahresdurchschnitt. Es ist ein pädagogisch durchdachtes Konzept, das man getrost als die ehrlichste Imagekampagne der Republik bezeichnen darf. Keine Plakate, keine Kinospots, keine Imagefilme. Einfach Kinder, Helm, Kamera, Action.
Natürlich durfte auch der Fitnessraum nicht fehlen. Schließlich sollen die jungen Leute verstehen, dass ein Polizist nicht nur Befehle bellt, sondern auch Liegestütze. Dass die Kinder dabei weniger den Trainingsraum betreten als vielmehr den Beweis dafür, dass der öffentliche Dienst auch über Bauchmuskelnern verfügt, versteht sich von einem. Und wer nach einer Stunde Zellenbesichtigung und Westenschleppen selbst nach Luft ringt, hat den Lehrplan im wahrsten Sinne des Wortes am eigenen Leib erfahren.
Die Betreuerinnen der Kinderfreunde bedankten sich am Ende herzlich. So herzlich, wie man sich nun einmal bedankt, wenn man einen Vormittag lang die Hoheitsgewalt besichtigen durfte. Man darf annehmen, dass die anwesenden Polizistinnen und Polizisten den Applaus ähnlich gelassen entgegennahmen wie einen freundlichen Bürger, der nach drei Monaten endlich seinen Reisepass abholt. Dienst nach Vorschrift, aber mit einem Lächeln, das auf den Fotos der Kinderfreunde Wippenham garantiert den halben Tag hält.
Was bleibt, ist ein Sommerferientag, der in den Annalen der Gemeinde vermutlich als Bildungsreise verbucht wird. In Wahrst war es vermutlich das, was Soziologen als frühkindliche Berufsfindung durch Kontakt mit staatlicher Symbolik bezeichnen würden. Oder einfacher: Wippenham hat jetzt mehrere Kinder, die wissen, wie schwer ein Helm ist. Und mindestens eines davon wird in fünfzehn Jahren vermutlich wieder dort stehen. Diesmal allerdings ohne Einladung der Kinderfreunde, sondern aus beruflichen Gründen. Der Kreislauf ist dann ein kleiner, aber feiner.