Irgendwo zwischen Sanktionen, Sanktionen und noch mehr Sanktionen sitzt ein Mann in einem sehr langen Tisch und empfängt Besuch, der eigentlich aus der Kategorie Immobilienmakler mit politischem Nebenjob stammt. Aber bitte, wir wollen ja nicht kleinlich sein. Wenn schon die Mächtigen dieser Erde ihre wichtigsten Gespräche über die Zukunft der Ukraine zwischen Wasserflaschen und überdimensionierten Vasen führen, dann darf auch das österreichische Publikum kurz innehalten und sich fragen, ob das noch Außenpolitik ist oder schon die Wohngemeinschaftsverhandlung einer sehr eigenwilligen WG.
Natürlich ist alles komfortabel, sagt der Hausherr, der seit ein paar Jahren das Wort Frieden ungefähr so häufig benutzt wie ein Wiener Würstelstand das Wort vegan. Komfortabel ist überhaupt das schönste Wort in der Sprache der Diplomatie, noch vor konstruktiv, noch vor bedeutsam und noch vor dem unvermeidlichen man werde sehen. Komfortabel klingt nach Latexmatratze, nach Spa-Bereich, nach dem Gefühl, wenn man nach drei Stunden Anreise im Lieblingswirtshaus endlich das Schnitzel bestellt hat. Komfortabel ist genau das, was man sich unter Geheimdiplomatie vorstellt, wenn man ein sehr entspanntes Verhältnis zur Realität hat.
Besonders rührend ist die Dankbarkeit des amerikanischen Gastes, der sich bei seinem Gastgeber dafür bedankt, dass er überhaupt empfangen wurde. Man stelle sich das einmal in einem normalen Leben vor. Man klingelt bei einem Fremden, wird eingelassen, setzt sich an dessen Küchentisch, und am Ende bedankt man sich auch noch dafür, dass es Kaffee gibt. Wenn das in Ottakring passieren würde, wäre der Kaffee noch keine fünf Minuten kalt und die Polizei schon zweimal da. Aber in diesem besonderen Kreis gehört ein solches Dankritual offenbar zum guten Ton, vermutlich gleich nach dem Austausch der Visitenkarten und vor dem gemeinsamen Abschreiten der besonders beeindruckenden Kronleuchter.
Erinnerungswürdig nennt der Besuchende die Treffen, was wohl das Mindeste ist, wenn man als eine Art moderner Kronzeuge der Weltgeschichte zwischen Kreml und Hudson River hin- und herpendelt. Erinnerungswürdig ist auch das Lieblingswort der Sorte Mensch, die normalerweise Hochzeitsplanungen betreut und nun plötzlich die Geographie Osteuropas mitverhandelt. Erinnerungswürdig klingt nach Jahrestag, nach Postkarte aus dem Urlaub, nach dem Satz den man später in Memoiren drucken lässt, wenn das Honorar für das Buch schon unterschrieben ist.
In Wien wiederum sitzt man beim dritten Verlängerten und fragt sich, was hier eigentlich gespielt wird. Ist das der Anfang einer wunderbaren Freundschaft, die im Kreml mit Krimsekt begossen wird? Ist es ein Praktikum für künftige Beraterrollen, bei dem man lernt, wie man Machtpolitik in Zeiten von Krieg als gemütliches Gespräch unter alte Bekannte verkauft? Oder ist es schlicht die Vorstufe zu einem Joint Venture, bei dem am Ende alle Beteiligten zufrieden aussehen, auch wenn am Verhandlungstisch noch kein einziger Soldat weniger steht als zuvor? Die Erfahrung lehrt: wenn jemand in solchen Runden sagt es sei komfortabel, dann hat vorher schon jemand die Heizung aufgedreht, damit man das Unbehagliche gar nicht erst bemerkt.
Und so darf der geneigte Beobachter getrost weiter rätseln, ob das hier ein historischer Wendepunkt ist oder einfach nur eine besonders lange Folge einer Talkshow, in der die Gäste aus Höflichkeit nicht widersprechen. Irgendwann wird man es erfahren, vermutlich in einem Nebensatz bei einer Pressekonferenz, an deren Ende alle sagen, dass die Gespräche konstruktiv waren und dass man in Kontakt bleibe. Das ist die universale Sprache der Macht, in der New York genauso klingt wie Wien, und in der ein Lächeln am Ende des Tages mehr sagen darf als jeder noch so diplomatische Kommuniqué. In diesem Sinne: prost, Kameraden der gepolsterten Tische, möge die Komfortzone niemals enden.