Wer mit einem Trike eine alpenländische Passstraße bezwingen will, hat im Grunde schon beim Kauf die falsche Gattung gewählt. Ein Auto ist Hightech, ein Fahrrad ist Sport, ein Trike ist Philosophie: langsam, gemütlich, ein bisschen würdevoll, und immer mit dem unausgesprochenen Versprechen, dass einem die Schwerkraft schon freundlich gesinnt sei. Diese Illusion hat nun an der Wurzenpass Straße ein jähes Ende gefunden, als die Realität in Form von versagenden Bremsen zuschlug und das beschauliche Reisetempo sich in ein unfreiwilliges Sonderprogramm verwandelte.
Die 51-jährige Lenkerin muss man sich als die Kapitänin eines Dreirads vorstellen, das plötzlich beschloss, Karriere als Lawine zu machen. Aus unerfindlichen Gründen weigerten sich die Bremsen, ihrer eigentlichen Berufung nachzukommen, also blieb nur noch die Notausfahrt, also jener letzte Ausweg, den Notausfahrten immer bieten, wenn alles andere versagt: ein bisschen Gras, ein bisschen Hoffnung, ein bisschen Gebet. Das Trike schoss also fünfzig Meter bergauf, was im Grunde eine physikalische Unverschämtheit ist, denn bergauf sollte man normalerweise selbst rollen, und nicht auf drei Rädern mit Motorradgefühl geflutet werden.
Dann passierte, was auf jeder Passstraße irgendwann passieren muss, wenn die Mechanik streikt und die Geographie zuschlägt: Die Insassen wurden abgeworfen, die Dame landete unter dem Fahrzeug, der 71-jährige Gatte auf dem Sozius blieb mit ein paar harmlosen Schrammen davon, weil das Leben manchmal eine klare Hierarchie der Leiden hat. Es gehört zu den ungeschriebenen Naturgesetzen, dass bei einem solchen Vorfall immer die Person am schwersten getroffen wird, die das Trike überhaupt erst gewollt hat, während die Mitfahrer allenfalls als Statisten der eigenen Courage mitreisen.
Passanten, diese unbesungenen Helden der Provinz, bargen die Verunglückte, der Helikopter kam, das Spital wartete, die B109 wurde für eine Stunde gesperrt, als handle es sich um eine Staatskrise. Man darf sich das gerne vorstellen: Ein Berg, ein Trike, ein Ehepaar, und dann steht alles zwischen 17 und 18 Uhr, weil drei Räder die Physik nicht verstanden haben. So etwas hat etwas Biblisches, nur dass die Helikopter damals noch nicht erfunden waren und die Passanten stattdessen Esel gewesen wären.
Wirklich spannend ist allerdings die Frage, die kein Bericht stellt: Wer kauft eigentlich ein Trike, um über die Wurzenpass Straße zu fahren? Es ist, als würde man mit einem Wohnzimmerstuhl einen Marathon laufen. Die Geräte wirken wie die logische Antwort auf die Sinnkrise der Mittfünfziger, die Motorrad zu schnell und Auto zu langweilig finden, und die glauben, mit drei Rädern irgendwo in der Mitte zwischen Vernunft und Wahnsinn zu landen. Leider liegt die Mitte, wie die Kärntner Topographie beweist, manchmal direkt unter dem eigenen Fahrzeug.
Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass die Berge kein Publikum kennen und keine Gnade kennen, am wenigsten mit versagenden Bremsen. Das Ehepaar wird daheim in Deutschland wieder von seinem Abenteuer erzählen, der Gatte wird sagen, er sei nur leicht verletzt worden, und die Gattin wird schweigen, weil manche Lektionen sich nicht in Urlaubsgeschichten übersetzen lassen. Die Wurzenpass Straße aber bleibt, was sie immer war: ein Schicksalsberg für alle, die glauben, die Schwerkraft sei verhandelbar, sei es mit Trike, mit E-Bike oder mit dem blinden Vertrauen darauf, dass schon nichts passieren wird. Passieren wird es trotzdem, irgendwann, irgendwo, immer bergauf.