In Vorarlberg hat sich am Vormittag ein Vorfall ereignet, der die dortige Identität so tief erschüttert hat wie ein Schlag gegen die Wade eines Zehnjährigen. An einer Kreuzung bog ein braun-graues Auto mit Feldkircher Kennzeichen ab, schnitt die Kurve und erwischte den Buben. Soweit der technische Teil. Ab hier übernimmt der Kanton seine zweite Natur.
Denn statt anzuhalten, setzte der Lenker seine Fahrt fort. Beschrieben wird er als grauhaarig und bebrillt, was in Vorarlberg in etwa so präzise ist wie die Aussage "lebt am Land". Damit kommen theoretisch 40.000 Männer in Frage, von denen die meisten gerade entweder auf dem Weg zum Bäcker sind, das E-Bike einladen oder ihren Traktor für die bevorstehende Gartenmauer-Saison auftanken. Die Polizei Rankweil nimmt dennoch Hinweise entgegen, weil man sich dort an internationale Standards hält.
Dass das Kennzeichen aus Feldkirch stammt, ist im Ländle kein Detail, sondern ein halbes Geständnis. Wer in Vorarlberg mit Feldkircher Kennzeichen auffährt und dann auch noch flüchtet, der hat kein Auto mehr, der hat ein Bekenntnis. Man hätte gleich "Ich bin der Chef" aufs Nummerntafel kleben können, neben dem obligatorischen "Wos andersch woa do nia".
Die Bevölkerung reagierte erwartungsgemäß professionell. Innerhalb von Minuten standen vier Leute am Tatort, die alles gesehen haben wollen, aber nichts gesehen haben dürfen, weil sie alle gleichzeitig auf ihr Handy schauten. Ein älterer Herr aus der Nachbarschaft rief sofort die Polizei, dann seine Frau, dann die Tochter, dann den Gemeindearzt, dann den Pfarrer, weil das bei einem Unfall halt so üblich ist. Die Polizei wiederum bittet Zeugen, sich unter einer Telefonnummer zu melden, die jeder zweite Vorarlberger schon parat hat, weil man sie einmal im Jahr doch braucht.
Während der Bub laut ersten Informationen mit dem Schrecken davongekommen ist, sitzt der Lenker vermutlich gerade irgendwo in einer Stube, trinkt Kaffee und sagt sich: "Des isch olles nix gscheit gwä, des ghört eifach so." Flucht ist in dieser Region keine Straftat, sondern eine Lebenseinstellung, vergleichbar mit dem konsequenten Ignorieren von Ortsschildern oder dem sturen Beharren darauf, dass der eigene Hof zehn Minuten weiter draußen liegt als der Hof des Nachbarn.
Die Polizeiinspektion Rankweil arbeitet derweil mit Hochdruck. Man habe, so erfährt man aus gewöhnlich gut informierten Kreisen, bereits eine Skizze angefertigt, auf der ein Strichmännchen zu sehen ist, das in eine Richtung fährt und in eine andere nicht. Der zuständige Sachbearbeiter gilt als Mann mit Gespür, der schon einmal einen entlaufenen Ziegenbock aus dem Montafon zurückgeführt hat, was die Hoffnung nährt, dass auch der Lenker irgendwann wieder an seinem Hoftor auftaucht, weil er die Heizung vergessen hat auszuschalten.
In Feldkirch selbst herrscht derweil das übliche Schweigen. Niemand will gewesen sein, niemand will das Auto kennen, und der gesamte Stadtteil schwört Stein und Bein, dass man aus Prinzip niemals die Ringstraße nimmt, schon gar nicht zu so einer Uhrzeit. Das Einzige, was nun mit Sicherheit feststeht: Sobald der Bub alt genug ist, wird er den Führerschein in einem anderen Bundesland machen, und die Ringstraße meidet er sein Leben lang. Aus Tradition, nicht aus Angst, weil Tradition in Vorarlberg immer gewinnt.