Irgendwo zwischen Karst und Katastrophe liegt also ein Hügel, auf dem Italiener und Deutsche das abstellen, was sie zu Hause nicht mehr ins Glas werfen wollen, und die Kroaten sind sauer. Komplett sauer. So sauer, dass sie zu Zehntausenden in die Hauptstadt marschieren, weil man in Kroatien einen Mistberg nicht einfach lokal lässt, sondern ihn gefälligst national verarbeitet.
Man stelle sich das mal vor: Da fährt man ahnungslos in den Urlaub, will baden, wandern, ein kleines Cevapcici-Risiko eingehen, und stattdessen liegt zwischen Gospić und dem gesunden Menschenverstand ein Schatz aus italienischem Sondermüll und deutscher Wertstoffverweigerung. Die Adria, diese jahrhundertealte Nebensache, bekommt Konkurrenz von einer neuen Attraktion. Deponiewanderungen mit Guide. Im Prospekt steht: Giftiger Ausblick inklusive.
Die Regierung, also jene Mitte-Rechts-Verbindung, die sich Mitte-Rechts nennt, weil sie sich ansonsten für nichts entscheiden möchte, wurde dieser Tage beim Nichtstun ertappt. Untätigkeit wirft man ihr vor, als wäre das ein neu eingeführtes Vergehen. Dabei ist Nichtstun in dieser Region seit Jahrhunderten eine olympische Disziplin, man hat Erfahrung, man hat Infrastruktur, man hat sogar schon eigene Staatsempfänge dafür abgesagt.
Die Demonstranten in Zagreb tragen Plakate, rufen Parolen und tun das, was man in solchen Fällen immer tut: sie klatschen sich gegenseitig moralisch Beifall. Jemand hat bestimmt auch eine Trillerpfeife dabei. Mindestens eine Großmutter wird erwähnt, die das früher schon kommen sah, und ein Student, der eigentlich nur seine Doktorarbeit über europäische Abfallströme schreiben wollte und jetzt in den Straßen steht, weil er zufällig aufgewacht ist.
Die ironische Pointe liefert wie immer der Müll selbst. Er kommt ausgerechnet aus den beiden Ländern, die sich am lautesten Umweltpolitik auf die Fahnen schreiben. Deutschland, das Land der gelben Tonne mit fünf Unterteilungen und einer App für die vierte. Italien, wo man früher die Mafia vor allem für die Müllkippen bezichtigte, jetzt darf das offenbar auch das europäische Ausland. Im Grunde handelt es sich um eine kuriose Form der Wiedervereinigung: der Müll vereint, was die Geschichte nicht geschafft hat.
Was die kroatische Regierung betrifft, so hat sie die traditionsreiche Wahl zwischen drei Optionen: erstens, gar nichts tun und auf die EU warten, weil die EU ja irgendwann alles regelt, meistens freitags. Zweitens, eine Kommission einsetzen, die das Einsetzen einer weiteren Kommission prüft. Drittens, eine Pressekonferenz geben, auf der man ernst erklärt, man nehme das Thema sehr ernst, und anschließend in den Urlaub fahren.
Unterdessen protestieren die Zehntausenden tapfer weiter. Sie schwenken Fahnen, sie fordern Maßnahmen, sie tun das, was Bürger in einem ordentlichen Rechtsstaat tun: sie üben Druck aus auf eine Regierung, die Druck als persönlichen Wetterumschwung interpretiert. Irgendwann wird ein Sprecher sagen, man prüfe, irgendwann wird ein anderer Sprecher sagen, man habe geprüft, und am Ende steht ein Bericht, der die Sache so lange glattbügelt, bis sie niemand mehr findet.
Und der Müllberg? Der bleibt. Wahrscheinlich schön zwischen den Olivenbäumen, mit Blick aufs Meer, als wäre er schon immer dort gewesen. Die Geschichte wird ihn umtaufen, in einen Naturpark, in eine Gedenkstätte, irgendwann in eine Art kulturelles Erbe. Hauptsache, man muss ihn nicht wegräumen. Das hat in diesen Breiten noch nie funktioniert, und es wäre ja auch eine Überraschung, wenn ausgerechnet jetzt damit begonnen würde.