Es war natürlich nur eine Frage der Zeit, bis in Tirol ein Luftschiff zu tief fliegt. Schließlich hat das Land seit jeher ein angespanntes Verhältnis zur Höhe: Man will nach oben, aber bitte nur auf eigene Faust, mit eigenem Seil und in eigener Gondel. Wenn dann plötzlich etwas Riesiges, Sanftes und mit Sicherheit von einer Marketingabteilung Gesteuertes über die Lohbachsiedlung schwebt, bricht kollektive Orientierungslosigkeit aus.
Die Pharmaziestudentin, die das Spektakel vom Balkon beobachtete, handelte genau richtig. Sie tat das, was jede vernünftige Tirolerin tun würde: Sie starrte nach oben, versuchte, das Ding als harmlos einzuordnen, und schätzte gleichzeitig im Stillen ab, ob es sich um Reklame für Hustensaft, Zahnzusatzversicherungen oder eine besonders agile Regionalbank handelt. Ihre spätere Schilderung hatte jenen klaren, ruhigen Ton, der in Tirol entsteht, wenn man gleichzeitig die Feuerwehr erwartet und den Hund beruhigen muss.
Die Feuerwehr ihrerseits tat, was Feuerwehren in solchen Fällen tun: Sie rückte mit einer Wucht an, als gelte es, die Landeshauptstadt vor einem Zeppelin-Angriff aus dem 19. Jahrhundert zu verteidigen. Martinshorn, Blaulicht, Spezialfahrzeuge, Spezialisten, Spezialgesichter. Man kennt das. Ein Stoffgebilde von der Größe eines mittleren Einfamilienhauses legt eine weiche Landung hin, und die Einsatzleitung tritt auf, als wäre der Reichsverteidigungsrat einberufen worden. In Tirol geht man ja traditionell gern davon aus, dass Himmel und Erde grundsätzlich gegen Innsbruck arbeiten.
Am Flughafen selbst dürfte man unterdessen die ruhigste Notlandung der Firmengeschichte verzeichnet haben. Kein Knall, keine Trümmer, keine rauchenden Helden. Nur ein Luftschiff, das jetzt auf dem Rollfeld steht und von Mitarbeitern der zuständigen Agentur sanft betüddelt wird, als sei es ein besonders eigensinniger Junghund auf dem Hundeplatz. Man wird es trocknen, flicken, neu beschriften und in einer Woche wieder über Jenbach kreisen lassen, diesmal mit noch mehr Schärfe im Marketingbudget.
Was die Bewohner der Lohbachsiedlung betrifft, ist die Lage ebenfalls klar: Sie haben jetzt eine Geschichte. Endlich eine, die sich auf Parties erzählen lässt, ohne dass jemand fragt, ob das wirklich in Innsbruck war. Die Pharmaziestudentin wird in den kommenden Wochen vermutlich häufiger gefragt werden, ob sie das Ding nicht doch selbst herbeigebetet habe, ob sie Kontakt zur Marketingabteilung aufnehmen möchte, und ob so ein Luftschiff eigentlich auch unter die Tiroler Nachtruheverordnung falle. Man werde sich erkundigen, heißt es dann aus dem Landhaus, was in Tirol heißt: Es geschieht nichts, aber man hat es zur Kenntnis genommen.
Am Ende bleibt die beruhigende Erkenntnis, dass ein Werbeluftschiff über Tirol genau das ist, was die Region verdient: etwas Schweres, das leise absinkt, von allen gesehen wird und am Ende doch niemanden stört. Der wahre Notfall in dieser Geschichte ist ohnehin ein anderer: Dass offenbar irgendjemand in einem Büro irgendwo in Deutschland glaubt, ein Werbezeppelin über Innsbruck sei eine gute Idee. Aber das ist, wie man hier sagt, ein Kapitel für sich.