In Tirol haben am Freitag zwei Männer bewiesen, dass die Zukunft der Fortbewegung vor allem eines ist: ein Krankenhausbett mit Aussicht auf die Zillertaler Bergwelt. Ein Deutscher, 52, irgendwo zwischen sportlich und steuerlich günstig unterwegs auf einem E-Scooter, entschied sich spontan, die Schwerkraft auf der L 300 höher zu ehren als den Hersteller. Er stürzte bei Straßenkilometer 5,8, was in Tirol exakt die Stelle ist, an der jeder Wanderer, Radler und Rollstuhlfahrer seit Generationen den Asphalt persönlich kennenlernt.
Eine vorbeikommende Autofahrerin tat, was alle vorbeikommenden Autofahrerinnen tun, wenn sie etwas sehen, das sie nicht einordnen können: erst mal auf die Bremse, dann aufs Handy, dann doch Erste Hilfe, weil das Karma zuschlägt. Sie versorgte den Mann, bis die Rettung kam, die ihn fachgerecht in ein Krankenhaus brachte, wo er nun vermutlich darüber nachdenkt, ob der Mietvertrag des Scooters wirklich den Sturz auf einer Bundesstraße abdeckt.
Während der Deutsche also unfreiwillig Tirol von seiner touristischsten Seite kennenlernte, wollte ein 62-jähriger Einheimischer seinem E-Bike offenbar beweisen, dass auch das Pensionsalter kein Hindernis ist, wenn der Akku noch Saft hat. Bei Reutte, auf der Forststraße Richtung Dürrenberg-Alm, wählte er ebenfalls die liegende Variante der Fortbewegung. Auch hier ist die Ursache aus bisher ungeklärter Ursache ungeklärt, was bei Elektrofahrzeugen inzwischen zur Grundausstattung gehört. Man schaltet ein, hofft das Beste und wird belohnt entweder mit einer schönen Fahrt oder mit einem Hubschrauber.
Bemerkenswert ist dabei die Akkuratesse der Tiroler Unfallgeografie. Kilometer 5,8 auf der L 300 ist so etwas wie der geheime Hauptbahnhof für Selbstabsteiger, eine Art Brenner der Demut. Wer dort nicht stürzt, hat laut einheimischer Überlieferung den Asphalt nicht verdient. Die Forststraße zur Dürrenberg-Alm wiederum ist der Klassiker, wenn man zeigen will, dass man im Ruhestand noch lebt. Die Almbetreiber dürften angesichts der Häufigkeit solcher Vorfälle längst einen Stammplatz bei der Rettungsfliegerei reserviert haben.
Man darf sich natürlich fragen, was diese Unfälle über den Zustand der Elektromobilität aussagen. Die Antwort ist einfach: nichts, und genau das ist das Problem. E-Bikes fahren so schnell wie Radfahrer, sehen aus wie Motorräder, kosten wie Kleinwagen, sind so laut wie ein Windhauch und wiegen so viel wie ein ausgewachsenes Reh. Wer da den Überblick behält, verdient einen Orden, keinen Führerschein. Die Hersteller haben das Mögliche getan und ein Gerät gebaut, das für jeden Anlass gleichzeitig zu viel und zu wenig ist, und die Käufer haben das Ihre getan und es gekauft.
Die eigentliche Pointe aber liefert die Ursachenforschung. In beiden Fällen ist sie unbekannt, weil die Ermittler in Tirol bei Elektrounfällen offenbar denselben Ermittlungsstandard anlegen wie bei Einhörnern. Man kann schlecht prüfen, ob der Akku müde war, der Reifen zu wenig Luft hatte oder einfach das Karma zugeschlagen hat. Am Ende bleibt nur die Gewissheit, dass es in Tirol zwei weitere Gründe gibt, beim nächsten Ausflug auf Schusters Rappen zu setzen, solange man noch kann. Also genau bis zur nächsten Forststraße.