Elias Steiner schießt in der 50. und in der 51. Minute, und man darf sich fragen, ob das ein Doppelschlag war oder einfach nur ein Mann, der endlich begriffen hat, wie Fußball funktioniert. Aus 0:0 wird in kürzester Zeit 2:0, und Gars liegt auf Wolke sieben, also auf der Wolke, auf der man sich in Niederösterreich eben so legt, wenn man kurz glaubt, etwas geschafft zu haben. Die Zuschauer, es sollen 150 gewesen sein, also grob die Hälfte derer, die bei einem Benefizfest mit Kaffee und Kuchen auch gekommen wären, dürften sich gefreut haben.
Dann kam die 55. Minute, und mit ihr Hron, und mit Hron die Litschauer Erkenntnis, dass ein 0:2 nichts ist, was man nicht in zwei Haken wieder zurechtbiegen könnte. Spielerisch ließ sich das vielleicht so erklären: Wenn man im Waldviertel kickt, kennt man jeden Haken, und sei es den eigenen. Stiedl traf in der 67., und was als Triumph begann, endete als klassisches Unentschieden zweier Mannschaften, die einander offenbar zu gut kennen, um sich wirklich wehzutun.
Gelbe Karten gab es gleich sechs Stück, eine schöne runde Zahl, die in keiner Pressekonferenz, dafür aber in jeder Dorfchronik Erwähnung finden wird. Foul, Unsportlichkeit, noch ein Foul, noch eine Unsportlichkeit. Schiedsrichter Theodor Oitzl verteilte das Gelb mit der Hingabe eines Mannes, der weiß, dass bei diesem Spiel niemand nach Hause gehen wird, ohne vorher noch kurz über Gerechtigkeit diskutiert zu haben. In Gars wie in Litschau.
Die Aufstellung liest sich wie ein Telefonbuch aus der Region, mit ein paar tschechischen Akzenten und einem Namen, der aussieht, als hätte jemand beim Frühstück die Tastatur falsch herum gehalten. Sykora, Šourek, Kavka, Priemayr: Da klingt die Donau nochmal durch, auch wenn hier nur die Lainsitz plätschert. Solche Namenslisten sind das, was den niederösterreichischen Fußball am Leben hält, mehr noch als Tore oder Punkte: das Wissen, dass irgendwo ein Cousin zweiten Grades auf der Ersatzbank sitzt.
Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass ein 2:2 für niemanden ein Resultat ist, mit dem man etwas anfangen kann, außer damit, am Stammtisch von dem Tor in der 51. zu erzählen und von dem Pfiff in der 86. Den einen wird man loben, den anderen wird man verfluchen, und in fünf Jahren wird sich niemand mehr erinnern, dass Stiedl überhaupt getroffen hat, weil das Leben im Waldviertel weitergeht, wie der Litschauer Regen im September: unaufgeregt, ausdauernd und für auswärtige Besucher kaum nachvollziehbar.
Elias Steiner, der Held von zwei Minuten, wurde in der 86. ausgewechselt, was bedeutet, dass er den Ausgleich der Gäste nicht mehr auf dem Spielfeld erleben durfte. Vielleicht war das gnädig. Vielleicht hat man ihn geschont, damit er am Montag in der Schule nicht sagen muss, er habe nach seinem Doppelpack noch zwei Gegentore mit angesehen. So bleibt ihm die Erinnerung rein, wenn auch nutzlos, und genau das ist vielleicht der eigentliche Kern dieses Abends: Wer hier spielt, spielt nicht für Tabellen oder Titel. Er spielt, weil am Samstag die Sonne scheint, die Haken stehen und 150 Leute kommen. Mehr braucht es im Waldviertel nicht. Mehr hält das Gemüt auch nicht aus.