Es gibt Veranstaltungen, da weiß man schon Monate im Vorhinein, dass die Reden länger dauern werden als die gesamte übrige Festivität. Die Landjugend Lamprechtshausen hat zum 75-Jahr-Jubiläum genau das geleistet, was jede gut funktionierende Vereinsstruktur am besten kann: eine Festschrift. Zweihundertvierzig Seiten, reich bebildert, was im Klartext heißt: Auf jeder Seite kämpfen mindestens drei Fotos um die Aufmerksamkeit, die der Text sowieso nicht verdient.
Man darf sich das vorstellen wie eine Mischung aus Familienchronik, Bewerbungsmappe und Hofübergabevertrag. Daten und Fakten zur Landwirtschaft im Ort, weil man offenbar befürchtet, dass die Enkel irgendwann nicht mehr wissen, dass es hier überhaupt Felder gibt. Die Struktur der Landjugend, was für Außenstehende in etwa so spannend zu lesen ist wie die Betriebsanleitung eines Traktors, den man nie fahren wird. Und natürlich, selbstverständlich, unbedingt: die Spendenaktionen, schön säuberlich aufgelistet, denn wer hilft, will auch gesehen werden, und wer gesehen wird, will gesehen werden, dass er gesehen wurde.
Besonders erfreulich fallen dabei Projekte ins Auge, die Namen tragen wie ein Pendant zur Bundesprämierung selbst: "Landwirtschaft erleben" und "Landjugend verbindet – Tradition trifft jede Generation". Letzteres klingt wie der Slogan einer Versicherung, die man im dritten Anlauf versteht und im vierten Anlauf vergessen hat. Trotzdem, oder gerade deshalb, gibt es Bundesprämierungen, weil Österreichs "Best Of"-Landjugend natürlich genau dort stattfindet, wo man sich am lautesten selber feiert. Eine Auszeichnung, die mehr wert ist als jeder nicht ausgegebene Preis.
Dass eine Festschrift 240 Seiten braucht, um zu sagen, dass man 75 Jahre lang da war, sagt weniger über die Festschrift aus als über das Verständnis von Feierkultur in ländlichen Breitengraden. Wer hier mit der Erwartung einer schlanken Broschüre ankommt, wird im wahrsten Sinne des Wortes niedergeschmettert. Das Buch eignet sich hervorragend als Türstopper, als Untersetzter für die Kaffeetasse beim Seniorentreff und, mit etwas Fantasie, als Backup-Hantel im Winter, falls die Heizung im Vereinslokal ausfällt.
Was bleibt, ist die bewährte Erkenntnis: Wer genug Bäume opfert, wird auch geehrt. Das Papier dieser Festschrift hätte in besseren Zeiten für mindestens drei Wahlplakate gereicht, in noch besseren Zeiten für eine ganze Plakatserie an der Ortseinfahrt. Stattdessen liegt es nun auf dem Kaminsims, wird vom Enkerl einmal aufgeschlagen und dann als Dekoration belassen, bis der nächste runde Geburtstag die nächste Festschrift hervorbringt, die ihrerseits nur existiert, damit man die alte irgendwann doch noch liest. Vermutlich bei der Jubiläumsfeier in hundert Jahren, wenn die Landjugend dann "Landwirtschaft erleben 2 – die Rückkehr des Heubodens" präsentiert. Bundesprämiert, versteht sich.